Die summende Linde

„Klingt meine Linde? Singt meine Nachtigall?“

Diese wundervollen Zeilen stammen aus einer Geschichte von Astrid Lindgren. Einer traurigen Geschichte. Einer von den Geschichten, bei denen man schon nach wenigen Sätzen einen Kloß im Hals hat. Es ist auch keine versöhnliche Geschichte. Es gibt nicht das klassische „alles ist wieder gut“ Ende. Eher hinterlässt sie einen aufgewühlt, fragend, traurig und doch ist man so verzaubert, sprachlos, ergriffen. Astrid Lindgren ist eine Meisterin der Schreibkunst, eine Wortkünstlerin, eine Fantasiemalerin. Doch wer harmlos seichte Kinderliteratur sucht ist hier fehl am Platz. In ihren Geschichten wird nicht selten das unsäglichste Leid beschrieben. Und es kommt kein Ritter auf einem weißen Pferdes und wendet alles zum Guten. Aber immer ist es die Fantasie, die ihren kleinen und großen Akteuren das Leben und die Seele rettet. Es ist der einzige Ort, an dem man sich immer zurück ziehen kann, wo einen niemand beherrschen, unterdrücken oder verletzen kann. Der letzte freie Ort in den dunkelsten Stunden des Lebens.

Die Geschichten von Astrid Lindgren sind so bezaubernd, dass sie mich oft nie mehr loslassen und mich im Alltag immer wieder für einen kurzen Moment in eine Märchensequenz entführen. Kleine unbedeutende Momente werden malerisch, lyrisch. Die tragische Schönheit der Bilder, die sie in mir erzeugt, verändern meinen Blick auf die Welt, sind wie ein Zugang in die Welt der Elementarwesen. Wo aus einer Erbse eine Linde wachsen und ein Mädchen einem Baum eine Seele schenken kann.

Ich selbst habe das unbeschreibliche Geschenk erhalten, tatsächlich einer klingenden Linde zu begegnen. Ich liebe Linden schon immer. Wann immer ich eine sehe, kommt mir sofort ein Liedtext in den Sinn: „Wo wir uns finden, wohl unter Linden, zur Abendstund…“ Als ich im Sommer mit meinen Kindern einige Tage in einem Ashram in Dänemark verbrachte, hörte ich bei meiner Ankunft, als ich aus dem Auto stieg, ein lautes Summen, wie von hunderten Bienen. Ich dachte, es müsse irgendwo ein Bienenstock sein aber es war nirgendwo einer zu entdecken. Am nächsten Tag kam ich etwa zur gleichen Zeit wieder an dieser Stelle vorbei und wieder hörte ich das lautet Summen. Ich versuchte dem Ursprung des Geräusches auf den Grund zu gehen. Aber alles was ich sah, war eine große Linde. Der süße Duft ihrer Blüten stieg mir in die Nase. Ich stellte mich unter ihre massige Krone und sah nach oben in den wulstigen Dachstuhl aus dicken Ästen und dichtem Blätterwerk. Da entdeckte ich, dass an jeder einzelnen Blüte dieses riesigen Baumes eine Biene saß. Daher kam das summen. Hunderte von Bienen, die an hunderten von Blüten saßen. Ich stand unter einer summenden Linde. „Klingt meine Linde? Singt meine Nachtigall?“ Was für ein Moment. Was für ein Geschenk…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.